Donnerstag, 17. Oktober 2019

vom Kloster zum Jazz...

17. Oktober
Gestern hat es gegossen, heute stürmt es, und 11 Grad sind als Höchsttemperatur angesagt. Da stecke ich mir lieber eine Mütze ein.
Ausnahmsweise haben wir ein Zeitfenster. Am Abend sind wir ausgebucht, vorher wollen wir nochmal in die Wohnung, um uns ein bisschen auszuruhen.
Wir fahren mit der Metro in Richtung Norden, können aber bei Station 168 nicht raus. Die Bahn hält einfach nicht. Später erfahren wir, dass der Aufzug defekt sei, und die Reparatur dauere sicher noch ein halbes Jahr. So lange können wir natürlich nicht warten und steigen bei Station 191 aus. Wunderbar, denn dort ist wieder eines der schönen Metro- Kunstwerke zu sehen. Sollte ich jemals wieder in diese Stadt kommen, dann buche ich garantiert eine Führung durch die schönsten Stationen.
Das Werk sieht man eher zufällig, wenn man beim Gehen seine Augen nicht nur nach vorne oder unten richtet.


Die Wandbemalungen, die nun im langen Tunnel der 191. Station folgen, sind allerdings nicht zu übersehen. Nachts möchte ich hier nicht unterwegs sein.



Wie es nun weiter gehen soll, hat uns GoogleMaps schon gezeigt. Finden müssen den Weg aber selber.
Wir befinden uns weiterhin auf Manhattan Island, allerdings ganz im Norden, im Stadtteil Washington Heights, der in den Stadtteil Inwood übergeht. Das Museum, das wir ansteuern, liegt im Fort Tyron Park, und der liegt glaube ich noch ganz in Washington Heights.


Als Stadtteil wirkt er auf mich eher unscheinbar, hat aber viel Geschichte aufzuweisen.
Die ersten Einwanderer kamen aus Irland. In der Zeit des ersten Weltkrieges kamen hier sehr viele Menschen aus Polen und Ungarn an. In den späten dreißiger Jahren waren es dann überwiegend deutsche Juden. Von weit mehr als 20.000 ist die Rede. Besonders viele kamen aus Frankfurt am Main, was dem Stadtteil den Namen "Frankfurt-on-the-Hudson" einbrachte. Mit zunehmendem sozialen Aufstieg ändert sich die Bevölkerungsstruktur wieder. Wem es besser ging, der zog weg.
Um 1970 kamen hierher besonders viele Russen,  und derzeit sollen Menschen aus Puerto Rico und der Dominikanischen Republik die Mehrheit der Bevölkerung bilden. Damit hört man oft mehr spanisch als englisch.
Wir ahnen beim Durchlaufen der Strassen von alldem nichts. Die Wohnblocks sehen nicht anders aus als in anderen Stadtteilen. Da wo wir uns bewegen, ist es relativ gepflegt.
Erstaunlicherweise ist es hier ziemlich hügelig und sehr felsig. Ich hätte das nicht erwartet.  Ohne Tunnel kommt man an einigen Stellen gar nicht weiter.


Unser Ziel liegt auf der anderen Seite dieses Berges. Wir sind froh, als wir diese Türen entdecken. Dahinter verbergen sich natürlich wieder tunnelartigere Gänge.



Dann ist es aber schon fast geschafft. Ein paar Schritte noch, und wir sind im Fort Tryon Park, wo sich früher eine britische Militärfestung befand. Im Heather Park lassen sich trotz des beginnenden Herbstes noch wunderschöne Blumenbeete bestaunen. Die Bäume biegen sich im Sturm heftig ächzend hin und her. Noch halten sich die meisten Blätter an ihren Ästen fest, und es fällt mir zum Glück auch kein Ast auf den Kopf..





An der großen David- Rockefeller-Linden- Terrace wird seit 2010  -aus Dankbarkeit für seine großzügigen Spenden zum Aufbau des Fort Tyron Parks-  eben diesem Sproß der einflussreichen Rockefeller Familie auf einer Gedenkplatte gedacht.


Manche bezeichnen ihn als den besten, aber oft unterschätzten Park New Yorks. Mir gefällt er ausgesprochen gut. Sich dort zu bewegen, das ist wie ein Urlaubstag, bei dem man sich von dem ganzen Stress in der City erholen kann.
Es ist ziemlich hügelig hier, und wenn man nicht gerade unter großen Steinbrücken hervorkommt, klettert man gerade wieder einmal Stufen hinab oder schleicht einen steilen Weg hoch.


Ab und zu sieht man Teile der Washington Bridge und den Hudson River. Aber die Bäume sind so groß, dass man eigentlich bis zum Ufer hinuntersteigen müßte, um mehr davon mitzukriegen.


Irgendwo soll es ein Café mit toller Aussicht geben. Leider lag es nicht auf unserem Weg, und falls es ins Museum integriert ist, haben wir es nicht entdeckt.


Das "The Cloisters" gehört zum Metropolitan Museum, und die Eintrittskarte kann man hier und dort innerhalb von 3 Tagen benutzen. Bis vor Kurzem mußte man die beiden weit auseinander liegenden Museen an einem Tag besuchen, um an die Vergünstigung zu geraten. Das war eigentlich Blödsinn, und man hatte für keines der Museen ausreichend Zeit.


Die Kreuzgänge oben sollen aus einem Kloster in den französischen Pyrenäen stammen, das im frühen 12. Jahrhundert erbaut wurde und später vor dem Verfall gestanden habe.







The Cloisters wurde 1938 eröffnet und ist auf mittelalterliche Kunst spezialisiert. Wie John D. Rockefeller II es geschafft hat, so viele phantastische Objekte u.a. aus Spanien, Frankreich, Deutschland, Österreich und den Niederlanden hierher zu schaffen, einschließlich Buntglasfenstern, Kreuzgängen und Teilen von Kirchen und Kapellen, das wüßte ich zu gerne. Geschenkt wurden ihm diese wertvollen Zeugnisse aus vergangenen Jahrhunderten bestimmt nicht. Manches ist sicher vor dem Verfall gerettet worden, aber manchmal brauchte vielleicht auch irgendjemand Geld. Die Kirche schafft es ja auch heute desöfteren, sich sehr arm zu rechnen.

                                 
















                                                       



In einem Raum hängen beeindruckende Wandteppiche. Die berühmten Einhornmotive haben dem Raum den Namen gegeben. Um 1500 entstanden sie in Belgien.



Im nächsten Saal könnte man ausprobieren, wie es ist, Jesus auf einem Palmesel zu ziehen. Ursprünglich tat man das im 15. Jahrhundert wohl auch, allerdings irgendwo in Deutschland, im Raum Franken.


Mein absolutes Lieblingsstück ist das bunt bemalte Holzkästchen aus Walnußholz, das um das Jahr 1200 herum gearbeitet und bemalt wurde und zu dem eine Geschichte gehört. Es soll an Cloisters nur ausgeliehen sein, sei Teil einer englischen Privatsammlung.
Es zeigt Szenen von der Einnahme der Stadt Orange in Südfrankreich, bei der Guilhem von Orange   von seinen Mannen über einen Geheimgang aus Gefangenschaft errettet wurde.
Es ging hier um die Befreiung der Stadt von den Sarazenen (Muslimen), hat aber auch mit Liebe zu tun.


Der Künstler habe das Kästchen so bemalt, dass man kaum einen Unterschied zwischen den kämpfenden Gruppen erkennen könne. Dies wird als Hinweis gedeutet, dass er damit habe ausdrücken wollen, dass alle Menschen im Kampf gleichermaßen leiden und Blut verlieren. Eine interessante Geschichte, finde ich.
Guilhem heiratete später seine Angebetete, die Königin der Sarazenen, und sie bekamen Kinder. Nach ihrem Tod entsagte er total dem kriegerischen Leben, wurde Mönch und 1066 heilig gesprochen.
Auf der Vorderseite (oberes Bild) sieht man eine Szene zwischen Guilhelms Franken und den Sarazenen ausserhalb der Stadttore, und auf dem Deckel kämpft ein Ritter gegen ein doppelköpfiges Ungeheuer. 
Auf der Schrägseite des Deckels der anderen Seite (unteres Bild) kämpfen ein Sarazenenprinz und ein Neffe Guilhems hoch zu Ross gegeneinander. Der Sarazene hat wohl einen Schlag abbekommen und den Kontakt zu seinem Steigbügel verloren. Beide sitzen auf je einem edlen Ross. Der Gegner wird genauso ehrenvoll dargestellt wie der Franke.
Unten wird wieder vor den Stadttoren gekämpft.


Der Ort Saint- Guilhelm- le- Désert, nahe bei Toulouse, in dem das Kloster steht aus dem der unten abgebildete Kreuzgang stammt, ist heute Weltkulturerbe, auch ohne die fehlenden Teile in seiner Bausubstanz.


In diesem Museum wird mir absolut nicht langweilig, aber ausgerechnet hier können wir nicht ewig bleiben. Wir wollen noch zur Washington Bridge.

Wir nehmen den nächsten Bus bis zur Brücke und biegen nach der Kirche schnurstracks ab, unterqueren die hier endende Washington Bridge und haben unser Ziel vor Augen.



Ohne ein wenig rechts und links zu schauen, geht bei mir aber gar nichts, und schon habe ich ein paar repräsentative Hausfassaden entdeckt.



Weiter geht's. Der Wind pfeift uns um die Ohren, je näher wir der Brücke kommen.





Am anderen Ufer liegt New Jersey.




Das Wetter spielt gerade verrückt. Im Minutentakt wird es dunkel, dann wieder heller mit Sonnenflecken auf dem Hudson und düsteren Wolken über unseren Köpfen.



Um bis auf die andere Seite der Brücke zu gehen reicht die Zeit nicht. Wir ziehen uns zurück.



Mit der Metro fahren wir in die Wohnung. In ein paar Stunden geht es zum Jazz.
Auf dem Weg kaufen wir uns bei McDonald's einen viel zu großen Berg Spareribs. Ausgesehen haben sie ganz gut, aber ich habe den Verdacht, sie sind aus Formfleisch hergestellt. Im Gegensatz zu den Chicken Wings von neulich ist das ein absoluter Reinfall, und der Laden ist mindestens so schmuddelig wie der andere.

Gut, dass wir unsere Metrokarte haben. Wir haben von zu Hause über Airbnb einen Jazzabend gebucht. Um 18 Uhr sollten wir im "Silvana" sein. Der Weg dahin ist per Luftlinie nicht weit, aber die Bahnen fahren andere Wege und nicht quer, also wir müssen einen umständlichen Weg nehmen, kommen noch pünktlich an, und im eher leeren Lokal im Keller spielt das "Anibal Rojas Quartett" für uns.
Einer von ihnen spielte u.a. auch mit "Blood, Sweat and Tears". Das ist der einzige Name, der mir etwas sagt... Meine Musik ist es nicht, ich empfinde es als viel zu laut, was natürlich auch mit meinen eigenen Ohrproblemen zusammenhängt.



Im Uber- Taxi fährt die ganze Truppe wir danach zum "Lenox Saphire", wo "The Phil Young Experience" spielen, mit Phil Young am Schlagzeug. Hier ist schon reichlich Publikum, das mir überwiegend aus Stammgästen zu bestehen scheint. Jeder kennt jeden. Die Senegalesische Küche wird reichlich genutzt. Junge Männer in senegalesischer Kleidung holen bergeweise Essen ab.
Phil Young begrüsst jeden Gast per Handschlag und führt mit jedem ein kurzes Gespräch. Mir erzählt er, dass er mit einer Österreicherin verheiratet sei und daher auch schon mehrfach in Deutschland und Österreich gewesen sei.  Eine junge Frau hält es vor Begeisterung kaum auf ihrem Platz. Auch sie scheint zum Inventar zu gehören. Sie sei ebenfalls eine Produzentin, die hier irgendwo irgendeine Sendung regelmässig mache. Auch sie liebt den persönlichen Kontakt sehr.
Die Musik gefällt mir, laut ist es zwar, aber die Räumlichkeiten fangen einiges ab.











Zum letzten Lokal heute geht es zu Fuß durch Harlem, bis wir in eine Gegend mit den typischen historischen NewYorker Reihenhäusern kommen.


Im Souterrain eines solchen eher unauffälligen Hauses gehen wir durch die Souterrain- Tür in das "American Legion Post #398".
Die Story, die erzählt wird, besagt, dass das Lokal nur deswegen existiert, weil es zu schwierig gewesen sei, die Hammond Orgel rauszuschaffen. Sie wurde 1998 von einem Mister Clarke gekauft, der sie aber entgegen seinen ursprünglichen Absichten nicht in seine eigene Wohnung transportieren konnte. So blieb sie hier in einem Veteranentreffpunkt, und das heutige Lokal entstand. Selbst Count Basie hat darauf gespielt!
Die American Legion Post Band tritt für uns u.a. mit Beverly Crosby als Sängerin und Greg Lewis an der Hammond Orgel auf.


Dies soll eines der letzten authentischen Jazzlokale in Harlem sein. Die Musik finde ich klasse, die mitgebrachte CD von Ray Blue, dem Saxophonisten, auch. Der Laden brummt, und es ist schade, dass irgendwann zum Aufbruch geblasen wird. Hier hätte ich noch länger bleiben können.

Mit einem Taxi sind wir schnell in der Wohnung und erholen uns für einen neuen erlebnisreichen Tag.

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